Der letzte Schwarzwald-Kavalier

Auch wenn er gestern zu unserem Entsetzen nicht in der Liste der Ankömmlinge beim Trans Schwarzwald Mountainbike-Marathon stand: Die Gerardo-Saga geht weiter. Es folgt der Bericht unseres Sonderkorrespondenten Grillo:

(Freudenstadt, 16.8.) Leider konnte unser Held am zweiten Tag seine persönliche Erfolgsgeschichte nicht weiterschreiben. Strömender Regen, sibirische Temperaturen und ein extrem schweres Geläuf waren Neuland für ihn und so entschied er sich, den ersten Teil der Etappe besonnen und mit Luft nach oben anzugehen. So war er recht schnell Letzter und trieb das Feld vor sich her. Gerade, als er beginnen wollte wie am Vortag die ersten Teilnehmer sich zu holen trat eine Schwäbin auf den Plan, die drauf und dran war aufzugeben. „Was tun?“, diese Frage stellte sich nur kurz und anstatt die gute Frau im Wald zurück zu lassen, sie der Kapitulation vor Nässe, Kälte und einer unbarmherzigen Streckenführung zu überlassen meinte er nur kurz „Aufgegeben wird nicht“ um fortan ihr sein Hinterrad zu geben. Und so meisterten sie gemeinsam den Weg durch den dunklen Tann, frierend, schlammig bis in die Haarspitzen und nass bis auf die Haut.

So schoben sie ihre Bikes durch knöcheltiefen Matsch die aufgeweichten Rampen hoch, die schon in trockenem Zustand fast unfahrbar sind und nahmen gemeinsam Abfahrten die mehr an Eiskanal denn an Radfahren erinnerten. Und so kam es, dass sie am letzten Versorgungspunkt 20 min über der Durchgangzeit für den letzten Teilnehmer waren und die Orga den beiden die Startnummer abnehmen wollten. Schließlich wollte die Polizei nicht ewig Straßen sperren, Kreuzungen bewachen, wollten die Organisatoren nicht erst spät in der Nacht die Strecke wieder freigeben. Und auch hier zeigte sich unser Gerardo wieder heldenhaft, lies er es doch nicht zu, dass dieses Abenteuer so früh und so jäh für die beiden enden sollte. Er weigerte sich seine Nummer herzugeben und bestand darauf den Transschwarzwald zu finishen. Wie das die Orga bewerkstelligen könnte ist ihm egal, er will an den Feldberg und sein Finisher-T-Shirt. Zur Not fährt er jetzt weiter, die letzten 600 Hm schafft er auch noch. Sollen sie doch Überstunden machen, er hat dafür bezahlt.

Wer ihn kennt ahnt, wie verbissen die Verhandlungen geführt wurden und wie unangenehm das für die Trans-Schwarzwälder gewesen sein muss. Nach einiger Diskussion einigte man sich darauf, dass die Polizei jetzt Feierabend machen darf, die Orga die Wege wieder freigeben kann und der Besenwagen die beiden ins Ziel bringt. Zeit ist die des Letzten plus eine halbe Stunde aber die Tour geht für beide weiter. Und so traf ich ihn am Massenlager in der Turnhalle in Freudenstadt, noch im Dress und mit Helm auf, etwas zerknirscht, etwas gefrustet und ziemlich k.o.. Aber Gerardo wäre nicht Gerardo, wenn er deswegen auch nur einen Gedanken ans Aufgeben verschwenden würde. Wenn er nur für den Bruchteil einer Sekunde die Brocken hinwerfen wollte. „Morgen sind es nur 1400 Höhenmeter und Mittwoch schaff ich auch irgendwie. Und wenn ich Mittwoch geschafft hab, dann komm ich auch an“. Wenn der das sagt, dann ist das in Stein gemeißelt. Der hört nicht auf, weil er nicht aufgeben kann. Und deshalb zieht der das Ding durch. Das Einzige, was ihn stoppen kann sind Krämpfe oder ein kaputtes Rad.

Aber gekrampft hat er eigentlich noch nie. Gerardo, wir sind stolz auf Dich!

Loblieb vom einsamen Helden

Voll krass, dieser Gerardo. Noch keine drei Jahre ist es her, dass er sich ein Mountainbike gekauft hat, und jetzt fährt er mit bei der Trans Schwarzwald 2010. Wer glaubt, dass er beim Offenburger Rennen Großes geleistet habe, weil er 30, 42 oder auch 65 Kilometer durchgehalten hat, sollte sich mal die Streckeninfo ansehen. Am ersten Tag ging es von Sasbachwalden nach Bald Wildbad. 73 Kilometer und 2480 Höhenmeter. Nach fünf Stunden und acht Minuten war Gerardo im Ziel mit einem Schnitt von 14,5 Km/h – und hat dabei ein halbes Dutzend Leute abgehängt. Ganz zu schweigen von denen, die bei diesem Pisswetter gar nicht erst angetreten sind oder es nicht ins Ziel geschafft haben. Dominik Bloesch, der uns auch schon ´mal bei unseren Ausfahrten beehrt hat, und dem wir ebenfalls kräftig die Daumen drücken, kam übrigens auf Platz 18 in der Gesamtwertung. Seinen Schnitt von über 25 km/h bei diesen Bedingungen erreicht wohl manch einer von uns Normalradlern nicht einmal, wenn man die Berge wegplanieren würde.

Wie es gestern beim Rennen aussah, zeigen einige Bilder zum Event von A. Küstenbrück und die Daily News des Veranstalters. Und während Beate und Grillo als Minidelegation unserer Truppe nach Freudenstadt gefahren sind, um Gerardo anzufeuern, warten wir hier im halbwegs sicheren Flachland noch gespannt auf das Ergebnis der zweiten Etappe. Die ging heute, wo man keinen Hund vor die Tür schicken würde, von Bald Wildbad bis Freudenstadt. 76 Kilometer mit 2700 Höhenmetern. Wahrscheinlich auch noch stromaufwärts und immer gegen die fiesen Sturmböen, die der Wetterdienst vorher gesagt hat.

Wer diese Geschichte mitverfolgen will, sollte in dieser Woche noch ´mal reinschauen, den wir wollen weiter von unserem einsamen Helden berichten. Außerdem könnt Ihr Euch bei Facebook einklinken, die Tweets reinziehen des Teams von Bull oder auch die Zeitschrift Mountainbike besuchen, die eine eigene Seite zum Event eingerichtet hat. Und im Fernsehen wird es eine einstündige Zusammenfassung geben bei Sport1 (ehemals DSF) am Mittwoch, dem 25. August um 17.30 Uhr und (als Wiederholung) am 28. August um 10:15.

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