Und es war mal gerade kurz Sommer. Zufrieden und verschwitzt saßen wir bei einem großen Radler im Gifiz-Biergarten und gönnten unseren bleichen Leibern einige Sonnenstrahlen. Gerade hatten wir mit meiner Schwägerin, ihrem Mann und einer blonden Gazelle namens Bianca die 63er bis Bildeiche gemacht (bei allen dreien die zweite Tour dieses Jahr!) als Gerardo in seiner subtilen Art das Gespräch nochmals auf die letzt samstägliche Vier-Türme-Tour lenkte und mehr oder weniger willenlos die Erweiterung der Tour um Turm Nummer 5, den Geigerskopf vorschlug. Und wie üblich in so einem Fall schickte er noch sein typisches „Wir können für den Marathon in Neustadt ein Team melden“-Lachen hinterher, was so viel bedeutet wie: kommt ja eh nicht zustande. Wie das Team für Neustadt eben.
Ich nahm einen großen Schluck, schaute in sein grienendes Gesicht und sagte: “Jaja Gerardo, schon recht.“ Am Abend begann ich aber zu rechnen. Fünf Türme mit Heimfahrt über Vogt vom Mühlstein und Schwaibacher Eckle minus Urselstein plus Heidenknie und Schloss Staufenberg, wie viel macht denn das? Heraus kam eine Zahl die mir schmerzhaft aber machbar schien. Scheiße, was nun? Ich begann die Pros und Cons zusammen zu tragen:
- die verbleibende Zeit bis zur Niederkunft
- die Wahrscheinlichkeit des entscheidenden Anrufs während der Tour. „Du Grillo, wo bist Du? Ich glaub es geht los.“ – „Halt aus Schatz, ich brech sofort ab und komm heim, in zwei Stunden bin ich da.“
- und vor allem der entscheidenden Frage: wenn nicht jetzt, wann dann?
Ich fasste allen Mut zusammen, ging aufrecht mit geschwellter Brust zu meiner hochschwangeren Frau und fragte devot, ob ich Sonntag ne längere Radtour fahren dürfte. Ein süß-saures Lächeln garniert mit einem Hauch genervt waren die Beilage zum „von mir aus“. Noch einen großen Löffel „komm aber nicht so spät heim, dass wir vorm Australienspiel noch Essen können“ drüber und fertig war der Sonntagsbraten.
Ich ging ins Bad, nahm die erste Magnesiumtablette um den Spiegel wieder hochzufahren und rief Gerardo an. „Nächsten Sonntag, fünf Türme, Start spätestens halb neun.“ Kein betretenes Schweigen, kein trockenes Schlucken, nicht mal den Ansatz eines „Mist, was hab ich mir da schon wieder eingebrockt“ nur ein heißeres „Gut, wer fährt noch mit?“ biss sich durch den Hörer. Und so entstaubte ich meinen Trinkrucksack, kaufte teure Power-Bars und Bananen, nahm jeden Morgen brav mein Magnesium um einmal von diesen Scheiß-Krämpfen verschont zu bleiben. Ich ging sogar so weit am Abend vor der Tour zum perfekten Rumpsteak nur ein einziges kleines Bier zu trinken und den Williams Christ durch Tabletten gegen Krämpfe zu ersetzen! Um halb elf lag ich im Bett.
Zur gleichen Zeit ging Gerardo in den Spitalkeller und setzte sich dort an die Kasse. Die Sau! Vier Stunden später trollte er sich heim und nochmal vier Stunden später stand er wieder auf, um die bis dato größte Radtour anzugehen. Pünktlich halb neun stand er bei mir auf der Matte, aufgebretzelt und schon warm gefahren. Die coole Sau! Wir gingen es an, mit der Prämisse in jedem Fall die fünf Türme uns zu holen und alles weitere als Zugabe zu mitzunehmen.
Zuerst hoch auf’s Horn, dann schnell ´rüber zum Brandeckturm. Von dort auf die Challengestrecke über’s Heidenknie runter nach Durbach und die Wand zum Schloss hoch. Rechts rüber zum Hummelswälder Hof, kurz dahinter links weg zum selten besuchten Geigerskopf. Riegelpause nach 960 hm. Ab hier auf der 84er die Trails zur Bildeiche hoch, den Kandelweg bis Ofenloch-Hütte, die 23 %-Rampe Richtung Michelsbrunnen und um den Moosturm rum. Bärenweg, Ramsbacher und Ibacher Holzplatz, Schäfersfeld. Mittagspause am Löcherbergwasen mit 1500 hm auf der Uhr. Von hier ausnahmsweise mal nicht über den Urselstein zur Littweger Höhe sondern flach rüber zur Hark. Körner sparen für den Rest.
Westweg weiter Richtung Brandenkopf wo wir an der Kreuzsattelhütte (mit dem gefühlt besten Kuchen des Schwarzwaldes) einen alten Bekannten auflasen, der uns alsbald für den Rest der Strecke begleitete. Hoch auf 950 m zum letzten Turm der Tour wo leichte Nebelschwaden durch die Bäume zogen. 5 Türme-geschafft. 1950 hm. Und hier ist der Beweis:
Singletrail runter nach Roth und auf dem unteren steilen Asphaltabschnitt so richtig schön zügig links an zwei Autos vorbei. Sonntagsfahrer! Schwarzer Adler, Oberharmersbach. Noch früh genug am Tag, kurzer Anruf daheim – alles gut. Auffahrt zum Vogt vom Mühlstein, auf der anderen Seite runter nach Nordrach, wo sich die Heimfahrt klären sollte. Links kräfteschonend über’s Schwaibacher Eckle oder rechts zum Abschluss nochmal steil auf die Kornebene hoch.
Ich schau Gerardo in die Augen und sag fies: “Ich schaff noch die Kornebene. Was meinst Du?” Und er sagt: “Dann fahr ich das auch.” Ich im Spaß: “Vielleicht nochmal Moosturm dazu?” und er wieder: “Dann mach ich das auch. Du fährst keinen einzigen Höhenmeter mehr als ich. Weißt Du doch.” Und dieser Blick und dieses Lächeln sagen mir dass er das auch genauso meint. „Wenn Du die 3000 hm voll machst, dann bin ich dabei. Und wenn Du 100 km fährst, dann bin ich auch dabei. Egal was Du fährst, ich fahr’s auch.“ Braucht er nicht zu sagen, ich weiß es auch so. Diese obercoole Sau! Die letzten Meter zur Kornebene sind wir dann noch im Wahn gesprintet, was dem Aufgelesenen ein lapidares “Ihr seid Masos” abverlangte. Halb sechs, ohne Pause wär der Moosturm jetzt über 600 hm am Stück und die mahnenden Worte der Gattin im Ohr entscheiden wir uns ab hier zum entspannten Abtrailen über den Querweg Gengenbach-Alpirsbach. Daheim angekommen sind es 95 km Strecke, fast 2700 hm und 7 Std Fahrtzeit. Grillen, Fussball, Deutschland gewinnt – alles gut. Jetzt ist Babypause für mich und Gerardo macht seinen Trans-Schwarzwald. Wenn nicht jetzt, wann dann?

