Das Fahrrad ist wurscht

Oha – das wird unseren Silvios, Hermännern, Pilles und Gerardos aber gar nicht gefallen: Da behauptet doch so ein englischer Hobby-Biker und Möchtegern-Wissenschaftler, dass es überhaupt gar keinen Unterschied macht, ob man sich für 60 Euro ein gebrauchtes und schweres Billig-Fahrrad kauft, oder ob man den 20-fachen Betrag anlegt für ein leichtgewichtiges Carbon-Teil. Zumindest auf dem 43,5 Kilometer langen Weg zur Arbeit und zurück war Dr Jeremy Groves mit beiden Rädern praktisch gleich schnell unterwegs.

“Die Insider hatten erwartet, dass ich mit dem neuen Fahrrad 10 Prozent schneller wäre”, erklärt Groves in der Fachzeitschrift British Medical Journal und fügt hinzu, dass auch er davon ausgegangen sei, mit dem Carbon-Rad im Nu bei der Arbeit zu sein. Zwar habe er mit dem neuen Rad tatsächlich an einem sonnigen Morgen einen neuen Rekord aufgestellt und die einfache Strecke in 43 Minuten geschafft. Dann aber musste er wegen eines Platten nochmals auf sein altes Stahlbike zurück greifen – und stellte fest, dass er mit 44 Minuten fast gleich schnell war wie mit dem Carbon-Rad.

Da Dr. Jeremy Groves nicht nur ein begeisterter Biker ist, sondern auch ein Wissenschaftler, entschloss er sich zu einem Experiment, über das er nun in der medizinischen Fachzeitschrift  berichtet. “Bicycle Weight and Commuting Time: Randomized Trial”, heißt der Artikel, dem die Einzelheiten zu entnehmen sind: 13,5 Kilogramm wog demnach das Billigfahrrad mit dem Stahlrahmen gegenüber 9,5 Kilogramm für das Carbon-Teil. Im “Studienzeitraum” zwischen Mitte Januar und Mitte Juli 2010 fuhr Groves nach dem Zufallsprinzip mal mit dem einen, mal mit dem anderen Fahrrad von Sheffield nach Chesterfield zur Arbeit und zurück – je nachdem ob eine Münze, die er warf, Kopf oder Zahl zeigte.

Das Ergebnis dürfte die Fans von Edelbikes ernüchtern: Für die 30 Hin- und Rückfahrten mit dem schweren Gebrauchtrad benötigte der fitte Doktor durchschnittlich eine Stunde, 47 Minuten und 48 Sekunden. Mit dem 30 Prozent leichteren Carbonrad brauchte er im Mittel eine Stunde, 48 Minuten und 21 Sekunden. Die Höchstgeschwindgkeit hatte auf beiden Rädern 58 km/h betragen und weiterhin informiert uns der Kollege mit trockenem britischem Humor: “Die langsamste Fahrt war mit dem Carbonrad in heftigem Schneetreiben (2:03:20), die schnellste auf dem Stahlrad als direktes Ergebnis einer Wettfahrt mit einem fitten Kollegen (1:37:40)”.

Bevor Ihr nun diese hochwissenschaftlichen Erkenntnisse mit einem verächtlichen “Flachlandradler” beiseite wischt möchte ich noch hinzu fügen, dass Dr. Groves auch das Höhenprofil seiner Strecke veröffentlicht hat und auf seinem Arbeitsweg eine Differenz von beachtlichen 843 Metern überwinden musste. Was, wie wir alle wissen, ja so ungefähr der Strecke Offenburg – Moosturm und zurück entspricht. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass der Typ nicht einmal Klickpedale hatte?

“Das Ergebnis ist im Widerspruch mit der gefühlsmäßigen Annahme, dass weniger (Fahrrad-) Gewicht mehr Geschwindigkeit bedeutet”, schreibt Dr. Groves süffisant und begibt sich sogleich auf die Suche nach einer Erklärung. Obwohl der Gewichtsunterschied zwischen den beiden Fahrrädern 30 Prozent betrug, dürfe man den Radler nicht vergessen und in seinem Fall habe das Gesamtgewicht sich nur um vier Prozent unterschieden. Zwar könne man mit einem leichten Fahrrad natürlich schneller den Berg hinauf fahren und brauche mit dem Stahlbike etwa fünf Prozent mehr Energie. Diese Energie aber wird zum Teil konserviert und begünstigt bergab den Fahrer mit dem schwereren Rad. Der größere Rollwiderstand erfordere für das Stahlrad gerade einmal 1,2 Watt zusätzliche Energie, die theoretisch bessere Beschleunigung des Carbonrades käme nur bei häufigen Geschwindigkeitswechseln zum tragen und die Überwindung des Luftwiderstandes sei zwar ein wichtiger Faktor, allerdings unabhängig von der Masse (er steigt proportional mit dem Quadrat der Geschwindigkeit).

An diesem Punkt der theoretischen Erwägungen sind wahrscheinlich bis auf Kai alle unsere Biker längst eingeschlafen, sodass es Zeit wird für die Moral von der Geschicht: “It´s not about the bike” hat bereits Lance Armstrong gesagt. Ob der siebenmalige Toursieger damit seinen Ärzten oder der Pharmaindustrie danken wollte, lasse ich mal dahin gestellt. Der Schlussfolgerung des Dr. Groves aber kann wohl keiner widersprechen: “Auch wenn ein neues, leichtgewichtiges Fahrrad äußerst attraktiv ist, so verspricht doch eine Gewichtsreduktion des Fahrers den größeren Nutzen bei geringeren Kosten”.

P.S.: Wer einen Sinn für englischen Humor hat und ausreichend Zeit, dem seien die Leser-Kommentare zu Dr. Groves Studie wärmstens empfohlen.

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  1. Do Silvio sagt:

    CARBON statt Kondition!!!!!!! ;)

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